Laufende Dissertationsprojekte

Geschichte

Von der Lagune zum Goldenen Horn. Waren, Akteure, Handlungsspielräume zwischen Venedig und Konstantinopel (1400-1500)

Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 wurde von Zeitgenossen als einschneidendes geschichtliches Ereignis angesehen. Eine Einschätzung, die von nachfolgenden Generationen in der europäischen Geschichtsschreibung übernommen wurde. Dem christlichen Europa, das sich in der Renaissance als Wiederentdecker antiken Wissens im christlichen Gewand neu erfindet, wurde das Osmanische Reich dabei als Feindbild entgegengesetzt.

Dieses Narrativ eines Ost-West Gegensatzes soll in dem angestrebten Dissertationsprojekt anhand der Seerepublik Venedig, die nicht zuletzt aufgrund ihrer ökonomischen Interessen - über sämtliche politische Wechsellagen des 15. Jahrhunderts hinweg - zahlreiche Verbindungen in das östliche Mittelmeer pflegte, überprüft werden. Ihm sollen die Erfahrungen und Perspektiven von Akteuren entgegengesetzt werden, die sich aus verschiedenen Motivationen, etwa als Beamte, Händler, Botschafter oder Reisende zwischen der Lagunenstadt und dem Goldenen Horn mit großer Selbstverständlichkeit bewegten. Welcher Handlungsspielraum sich den Akteuren innerhalb der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Beziehungen bot und wie dieser von ihnen selbst immer wieder neu ausgehandelt wurde, soll untersucht werden.

Venedigs Engagement im nordöstlichen Mittelmeer während des 15. Jahrhunderts, das sich nicht allein auf Konstantinopel beschränkte, sondern auch die griechischen Inseln und die Handelsstützpunkte am Schwarzen Meer umfasste, brachte die Seerepublik in engen Kontakt mit dem Byzantinischen beziehungsweise dem Osmanischen Reich. Venezianische Interessen und Politik standen den byzantinischen oder osmanischen nicht einfach komplementär gegenüber, sondern waren mit ihnen eng verflochten, was sich exemplarisch anhand von ausgewählten Akteuren zeigen sollte.

Freie Geister, freie Brüder, freie Denker – Häresien am Oberrhein im Umfeld des Nikolaus von Basel, ca. 1300-1500

Im Verlauf des 14. Jhs. tauchte neben den grossen häretischen Sekten in Mitteleuropa auch eine Reihe kleinerer Bewegungen auf, zu denen die „Brüder des Freien Geistes“ gehören. Die religiösen Vorstellungen und die Organisationsformen dieser Bewegung sind trotz ihrer wiederkehrenden Präsenz in den Quellen schwer fassbar. Dies widerspiegelt sich in ihrer Behandlung durch die Geschichtswissenschaft: Im 19. Jh. wurde die häretische Bewegung als zu Unrecht vergessener Teil der Kirchengeschichte interpretiert; marxistische Deutungen sahen sie als Protestbewegung im Rahmen der frühbürgerlichen Revolution; in den Sechzigerjahren des 20. Jhs. galt sie als Entwurf einer alternativen Lebensform im Rahmen der spätmittelalterlichen Kirche und neuere Forschungen stellten die Existenz einer realen „Sekte des freien Geistes“ und sogar aller Ketzerbewegungen in Frage.

Am Beispiel dieser „Sekte“ möchte ich nun zeigen, wie stark die Fremdwahrnehmung einer als gefährlich eingestuften Bewegung von der Selbstwahrnehmung divergieren kann, wie sich in der Folge die Fremdbeschreibung im kollektiven Verständnis stärker verfestigt sowie das Ausmass in dem die Bilder bzw. die Vorstellungen, die über die Zeit von der Bewegung entstehen, vor allem auch durch die zeitgenössische Ideologie der Forschung geprägt werden.

Das Ziel des Projekts besteht darin, ein Erklärungsmodell für die zeitgenössische wie auch die durch die Historiographie aufgenommene Konstruktion einer „Sekte des Freien Geistes“ zu liefern. Dabei wird die traditionelle Kirchengeschichte mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verknüpft, um das Spannungsverhältnis zwischen den Konzepten der Verfolger und der realen Bewegung in ihrem jeweiligen städtischen Kontext zu erfassen.

Vertraute Fremde. Über Orientdarstellungen in Venedig von Bellinis Aufenthalt am osmanischen Hof in Istanbul 1479 bis nach Lepanto 1571

Im Rahmen der Dissertation soll Bezügen auf die Länder der östlichen Levante in der venezianischen Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts nachgegangen werden. Im Gegensatz zu älterer Forschung – in welcher das Morgenland lange Zeit als homogen verstandene Einheit dem christlichen  Abendland entgegengesetzt wurde – zeichnen neuere Ansätze ein weit komplexeres und ambivalenteres Bild des Beziehungsgeflechtes von Orient und Okzident. Das Dissertationsprojekt knüpft an diese Forschung an und nimmt am Beispiel künstlerischer Darstellungen die engen Verbindungen die in der venezianischen Gesellschaft mit den Ländern der östlichen Levante bestanden in den Blick.

Der doppelten Verflechtung gesellschaftlicher Akteure – ihrer Vernetzung mit Erfahrungs- und Handlungsräumen in der östlichen Levante einerseits und ihre Einbindung in die sozialen, politischen und ökonomischen Gegebenheiten des venezianischen Gemeinwesens andererseits – soll dabei an ausgewählten Kunstwerken nachgegangen werden. Im Fokus stehen so unterschiedliche Bilder wie die um 1500 entstandenen, orientalisierten Zyklen venezianischer Bruderschaften  etwa Carpaccios Gemäldeserie für die Scuola San Giorgio degli Schiavoni – oder die von Malern aus der Lagunenstadt nach 1571 gefertigte Herrschergalerie osmanischer Sultane. In der Überzeugung, dass an Artefakten wie diesen, die Spannungsfelder in denen Künstler, Auftraggeber und politische Akteure operierten sichtbar werden, sollen in der Dissertation die Hintergründe welche zur Entstehung solcher und ähnlicher Bilder führten herausgearbeitet werden. Fragen wie: Aus welchen realen, schriftlichen oder weltanschaulichen Quellen speisten sich das Bildwissen? Weshalb und auf welchen Wegen gelangte es nach Venedig? Wer waren die Auftraggeber und an wen richteten sich die Bilder? Und: Wie vertraut waren die Rezipienten mit den gezeigte Lebensräumen des Orients? sollen zeigen, inwiefern eine Dichotomie von christlichem Abend- und muslimischen Morgenland venezianischen Realitäten nicht gerecht wird und wie eng die Verbindungen von Lagunenstadt und Städten wie Istanbul, Alexandria und Damaskus waren. Zugleich kann durch kunsthistorische Analysen deutlich werden, mit welchen Absichten und zu welchen Zwecken Darstellungen der östlichen Levante innerhalb der venezianischen Gesellschaft eingesetzt wurden. Die Frage dabei ist weniger welches Bild die jeweiligen Akteure von den islamischen Nachbarn vermittelten als vielmehr wozu diese Bilder im Rahmen etwa von Außendarstellung, Selbstinszenierung oder Wissensakkumulation dienen sollten. Mit Fragen wie diesen soll die Einbindung von Auftraggebern und Künstlern als Handlungsträger in das venezianischen Gemeinwesen herausgearbeitet werden. 

Der vergleichsweise lang gewählte Untersuchungszeitraum kann dabei – trotz des punktuellen Charakters, den die Ausrichtung an konkreten Einzelobjekten mit sich bringt – dazu dienen, Veränderungen in den Bildern des Orientalischen sichtbar zu machen. Gerade vor dem Hintergrund der Umwälzungen, die das 16. Jahrhundert in ökonomischer, politischer und territorialer Hinsicht für die Serenissima mit sich brachte, dürfte die Frage nach dem Wandel – und vor allem nach den Kontinuitäten – im venezianischen Orientbild zum Verständnis der Renaissance aus einer transkulturellen Perspektive beitragen. 

Kunstgeschichte

Gerichtsdrohung und Endzeitbewusstsein. Emotionale Handlungsstrukturen zur Endzeit und Umsetzung des Jüngsten Gerichts in der romanischen Portalskulptur im 12. Jahrhundert

Das Dissertationsprojekt geht von der Frage aus, inwiefern dargestellte Emotionen auf den Gerichtsportalen Handlungsstrukturen präsentieren, die neben den „klassischen“ Verhaltensnormen wie Geiz, Neid, Lust zur Verdammung führen oder als Teil der Barmherzigkeit, der Treue und des Glaubens den Weg ins Paradies ebenen. Gerade das Jüngste Gericht eignet sich hierzu als Bildthematik, da es die höchste gerichtlich-moralische Instanz im christlichen Glauben repräsentiert. Furcht und Hoffnung vor diesem Ereignis wurden schon seit der Spätantike dem Volk gepredigt und dabei stets mit verschiedensten didaktischen Inhalten aufgefüllt.  Dass dabei die Emotionen einen gewichtigen Teil dieser Didaxe darstellten, blieb von der Forschung bis anhin unbeachtet. Insbesondere das Lachen und das Weinen sind in den Quellentexten grundlegende Bestandteile von Handlungen, die den Seelen zur Last gelegt werden oder zu ihrer Erhöhung führen. Nicht umsonst fragt ein Teufel den Verurteilten in der Hölle: „Wo ist nun dein massloses Lachen?“ (vgl. Visio Tnugdali, ed.: Brigitte Pfeil 1999, S. 9).
Trotz dieses Potentials emotionaler Handlungsstrukturen können wir bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ausschliesslich drei Weltgerichtsportale ausmachen: Sainte-Foy in Conques, Saint-Lazare in Autun und Saint-Denis bei Paris. Es stellt sich somit parallel zur bereits genannten Ausgangslage die Frage, wieso die Darstellung des Endgerichts so selten Eingang auf die Tympana romanischer Kathedralen fand. Vielmehr wird eine thematische Annäherung an das Endgericht umgesetzt, ohne aber dieses selbst darzustellen. Die auf den Tympana präsentierten Szenen zeigen die gegenwärtigen, jenseitigen Räume sowie die Zeit, die dem Menschen bis zum Jüngsten Tag noch übrig bleibt. Die Emotionen der Dämonen, Sünder, Engel und Märtyrer nehmen das Urteil des höchsten Richters auf diesen Darstellungen bereits partiell vorweg und setzen die Gegenwart über die Emotion mit dem kommenden Endgericht in eine enge Relation. 

 

 

Musikwissenschaft

Uom ch’osa di veder. La visione odissiaca: cultura umanistica nei testi per musica di Don Paolo da Firenze (im Rahmen des Dottorato confederale in civiltà italiana: lettere, arti, musica, USI)

Paulus Abbas de Florentia (Firenze ca 1355 – dopo il 20 settembre 1436) è fra i musicisti del Trecento italiano, quello più rappresentato in termini di opere e record documentari, dopo Francesco Landini. La sua produzione si situa fra il declinante stile fiorentino (Francesco Landini) e il nuovo stile di marca internazionale (Johannes Ciconia).
Testimone di un'epoca di cruciali trasformazioni per l'Europa intera, la sua opera (che comprende 11 madrigali, 36 ballate, 2 brani di musica sacra e un trattato di improvvisazione contrappuntistica) attinge alle opposte correnti di una cultura scolastica al tramonto, ma ancora ricca di risorse e di un'incipiente stagione umanistica che ha a Firenze il suo centro motore, con una costante attenzione alle novità teoriche e stilistiche di un'Europa che vive già nello spirito del gotico internazionale. Questa poliedricità si riflette nella scelta dei testi e probabilmente nella loro stessa composizione. Ziino e Lanza hanno già rilevato come le preferenze testuali del compositore si orientino verso scelte metriche inconsuete, manipolando le forme della ballata e del madrigale, come abbondino i riferimenti al mondo della mitologia classica, in linea col gusto paganeggiante dei circoli umanistici, come non manchino rivisitazioni anche in forma di parodia, della tradizione stilnovista.
Oggetto di approfondimento e di ricerca di archivio, saranno anche i rapporti con l’ordine benedettino di cui Don Paolo giunse a far parte in età matura e in cui ben presto assurse a ruoli di primo piano e di notevole responsabilità. Lo status clericale o quanto meno regolare, lo accomuna a molti altri esponenti dell’Ars Nova italiana - con i quali era in contatto tramite riservatissimi circoli musicali fiorentini cui pare fosse indirizzata l’esecuzione dei brani, piuttosto selettivi come difficoltà - così come il suo ruolo di supervisore di codici miniati lo avvicina all’atelier camaldolese di Santa Maria degli Angeli in Firenze e alla stesura del superbo codice Squarcialupi, fonte principale del repertorio in questione. Da chiarire, così come può essere rivelatore, il ruolo sensibile che ebbe come abate nell'elezione di Alessandro V (Filargis), greco di origine, coltissimo e ambizioso intellettuale, dotto retore esperto di cultura classica, diplomatico eccellente che ottenne l’investitura ducale per i Visconti presso l’imperatore e eligendo antipapa anche in virtù dei suoi orientamenti conciliatori.
Persino nelle sue aderenze altolocate di ambito ecclesiastico, la figura di Paolo da Firenze è riconducibile sempre e comunque a un ambiente culturalmente orientato all'umanesimo e all'esclusivismo esoterico, proiettato verso una dimensione internazionale e sovra-politica della cultura. Questo atteggiamento nuovo rispetto alla spiritualità più genuinamente intesa, contaminante aspetti di gnosi pagana, che vede attorno a sè un mondo intero non più racchiuso nei certi limiti di una scienza deduttiva, ma oggetto di una scoperta a carattere empirico-induttivo, richiama l'Ulisse di Dante e la sua in-finita curiosità per il pelago sconosciuto. "Uom ch'osa di veder" è un motto che stravolge l'estasi dantesca in una scalata non più verso un Paradiso empireo, ma in un viaggio verso un'empirica "Cosa", senhal della nascente modernità.

Visuelle Logik musikalischer Notation zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit

Gegenstand des Dissertationsprojektes ist die Untersuchung der signifikanten Umbrüchen in der Geschichte der musikalischen Notation aus zeichen- und bildtheoretischer Perspektive. Im Zen- trum steht die vergleichende Analyse der jeweiligen Übergänge von der rhythmuslosen Quadratnotation zur Modalnotation, dann zur Mensuralnotation und schließlich zur Tactusnotation – womit das Aufkommen einer Notenschrift gemeint ist, die einen quanti- tativ messbaren Taktschlag visuell darstellt. Es soll damit beschrie- ben werden, inwiefern sich diese sinnerzeugenden Strategien im historischen Spiegel der Notenschriften zueinander verhielten und veränderten.
Die stetige Ausdifferenzierung der Rhythmik im 13. Jahrhun-
dert, die Einkehr der Sprach- und Bildlichkeit und die Entste-
hung neuer taktmetrischer Gliederungen, die ab dem späten 15.
Jahrhundert mit dem Ausdruck Tactus bedacht wurden (Adam
von Fulda), entfalteten eine Musik, welche – zeichentheoretisch
betrachtet – die Entwicklung einer immer weniger bildlich und
zugleich zunehmend symbolisch werdenden Notation mit sich zog. Die Konkretisierung der Bezugnahme zwischen Zeichen und Bezeichnetem, d. h. die Steigerung der Notationalität, hatte dabei einen unmittelbaren Einfluss auf die grafische Gestalt und Struktur der Notenzeichen selbst. Die verschiedene Formen der Nota- tion von Musik besitzen eine epochenübergreifende, zentrale Bedeutung für die Musikgeschichte. Eine ihrer primären Aufgaben war und ist es, musikalische Strukturen durch ihre Verschriftlichung zu konservieren und somit über temporale und lokale Distanzen reproduzierbar zu machen.
Diesem Dogma folgen die klassischen Arbeiten und Nachschlagewerke zur Musiknotation und konzentrieren sich vornehmlich auf Aspekte der Aufführbarkeit und Orthografie der Notenschriften: Die einzelnen Noten- zeichen werden im Hinblick auf ihre pragmatische Lesbarkeit entschlüsselt und klassifiziert. Neben einer rein praxisorientierten Funktion der Lesbarkeit weisen Notenschriften jedoch unterschiedliche Strategien der Vi- sualisierung von musikalischen Sachverhalten auf, die bislang kaum erkannt und bedacht worden sind: Noten- schrift soll hier in ihrer grundlegenden Seinsweise als historisch bedingte visuelle Kulturtechnik befragt werden.

 

Latinistik

Enea Silvio Piccolominis Commentarii de rebus a se gestis  – Gattungtheoretische und narratologische Überlegungen vor dem Hintergrund der antiken Geschichtsschreibung 

Über die Commentarii de rebus a se gestis des Enea Silvio Piccolomini (1405–1464) ist häufig zu lesen, es handle sich dabei um eine Autobiographie. Ausgehend von einer gattungstheoretischen Überlegung soll gezeigt werden, dass es für die Interpretation des Werkes fruchtbarer (und auch mehr im Sinne des Autors) ist, die Commentarii als historiographisches Werk zu lesen, wobei die autobiographische Argumentation als Teil der literarischer Kompositionsstrategie des Autors zu erachten wäre. Eine gattungstheoretische Herangehensweise ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn sie formale und inhaltliche Aspekte in eine sinnstiftende Beziehung zueinander setzt. Wenn also in einem ersten Teil die Entwicklung der Gattungen der Historiographie, der Biographie und der Autobiographie in der griechisch-römischen Antike nachgezeichnet, Traditionslinien von der Antike in die Frühe Neuzeit nachverfolgt und Tendenzen der antiken Historiographie aufgezeigt werden, die in der Humanistischen Geschichtsschreibung fortbestehen, so geschieht dies nicht im Sinne einer «Kreuzung der Gattungen», sondern in Sinne einer Begegnung von Gattungen in einem gemeinsamen Raum, was einem dynamischen Gattungsverständnis entspricht. Ziel dieser Untersuchung ist es, Spezifika der literarischen Form des Commentarius auszuarbeiten und auf Besonderheiten im Werk Piccolominis aufmerksam zu machen.
Wie sich anschliessend in einer punktuellen Lektüre der Commentarii zeigen wird, teilen diese besonders den protreptischen Impetus mit ihren antiken Modellen, wollen also durch die Vermittlung vorbildhafter Taten zu vorbildhaftem Verhalten aufzufordern. Gerade vor dem Hintergrund dieses moralpädagogischen Diskurses sind auch die autobiographischen Partien zu lesen, führen sie doch dem Leser das Beispiel einer vorbildhaften Existenz vor Augen. In diesem Zusammenhang wird auch die «Jesus-Vita» der Evangelien ein wichtiges biographisch-historiographisches Modell darstellen, wohingegen zahlreiche Portraits und Charakterstudien dazu beitragen, ein «moralisches Tableau» der eigenen Zeit zu zeichnen.
Schliesslich wird sich zeigen, dass von der antiken Historiographie auch Erzählschemata übernommen werden, welche die Darstellung der Ereignisse beeinflussen. So evozieren z.B. die Schlachten bei Sarno (7. 7. 1460) und Troia (29. 8. 1462) vor der Folie des 2. Punischen Krieges Cannae und Zama; hierbei tritt die päpstliche Partei als Römer unter der Führung Scipios auf, die profranzösische Partei als Karthager und Hannibal. Die Antike besitzt also eine prominente Rolle bei der Gewinnung einer Perspektive zur Gegenwart und wirkt sich als kulturelles Modell auf das «echte» Leben aus und verändert es.

Germanistische Mediävistik

Erzählen ist Überzeugen. Narrative Rechtfertigungsstrategien bei problematischen Liebesverhältnissen in mittelalterlichen Bearbeitungen des Troja-Stoffes

Im Fokus der Narratologie stehen vor allem literarische Texte der Moderne. Die Generierung narratologischer Theoreme geschieht dann auch anhand der Analyse moderner Werke und die gewonnen erzähltheoretischen Phänomene werden wiederum vorwiegend auf die moderne Epik angewendet. Auch mediävistische Arbeiten bedienen sich oftmals moderner Erzähltheoremen, um Werke der mittelalterlichen Literatur zu untersuchen. Dieses Dissertationsvorhaben  möchte nun die Besonderheiten des mittelalterlichen Erzählens ins Zentrum stellen und damit einen Beitrag zur historischen Narratologie leisten, die in der mediävistischen Forschung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Narratologische Theoreme werden dabei historisiert, indem sie aus den dichtungstheoretischen Werken des Hochmittelalters, den antik-lateinischen Rhetoriken und den daraus entstanden mittellateinischen Poetiken extrahiert und anschliessend in Erzählepisoden problematischer Liebschaften des Troja-Stoffes exemplarisch untersucht werden.

Es wird danach gefragt, welche rhetorisch-narrativen Verfahren den vernakularen und mittellateinischen Dichtern im Hochmittelalter aus den antiken Rhetoriklehren und den mittellateinischen Poetiken zur Verfügung standen, um glaubwürdige Erzählungen zu generieren. Dieses Erkenntnisinteresse bildet die historisch-narratologische Basis, anhand derer dann der Einsatz dieser rhetorisch-narrativen Techniken in Erzählsequenzen zu glaubwürdig rechtfertigenden oder anklagenden Darstellungen problematischer Liebschaften in verschiedenen epischen Bearbeitungen des Troja-Stoffes komparativ untersucht wird. Gerade die Erzeugung von Glaubwürdigkeit des Erzählten steht in den Texten des Trojanischen Krieges im Vordergrund, da dieser in der mittelalterlichen Wahrnehmung als historia, als reales Ereignis der Weltgeschichte galt. Die jeweilige Verwendung der rhetorisch-narrativen Verfahren sollen in den verschiedenen Erzählvarianten des Troja-Stoffes und innerhalb des jeweiligen Werkes selbst am Beispiel der problematischen Liebesbeziehung kontrastiv beleuchtet werden.

Philosophie

Magnus Hundt und sein Compendium totius logicae. Thomismus in der mitteldeutschen Wissenschaftswelt

Magnus Hundts Compendium totius logicae, das im Zentrum meines Projekts steht, wurde erstmals 1493 gedruckt und an der Universität Leipzig von seinem Verfasser als Logik-Lehrbuch eingesetzt. Es ist durch zehn Druckauflagen und seine Verbreitung in Universitätsbibliotheken überall im deutschsprachigen Raum eine hervorragende Quelle für die ansonsten wenig beforschte Logik- und Thomismusgeschichte des 15. Jahrhunderts.

Das Promotionsprojekt greift diese Forschungslücke auf und wird das bisher weitgehend unbekannte Logikkompendium historisierend für aktuelle Studien aufbereiten. Dabei wird primär der soziale, kulturelle und wissenschaftliche Hintergrund des Kompendiums beleuchtet und damit insbesondere die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Dies geschieht auf drei Ebenen. Das Kompendium wird (1) in das philosophische Programm des Autors und seiner Schriften, (2) institutionell in den thomistischen Leipziger Wissenschaftsbetrieb und (3) in die von der (Vor-)Reformation geprägte mitteldeutsche Wissenschaftswelt (das sind v.a. die Universitäten Erfurt, Leipzig und Wittenberg und ihre Verflechtungsbeziehungen) eingeordnet.